Berlin Folk Festival „Summer Edition“: Hauptfiguren in der Nebenrolle

🇩🇪 Nachdem das Feral Folk Festival dieses Jahr leider wegen Problemen mit dem Pachtvertrag der Freilichtbühne Weißensee abgesagt werden musste, habe ich mir stattdessen das ebenso neu ins Leben gerufene Berlin Folk Festival angeschaut. Die zweite Ausgabe fand am 29. August im Club Gretchen statt. Es war ein schönes Event, um die unabhängige Livemusikszene zu feiern und neue Acts zu entdecken, aber es hatte gefühlt wenig mit Folk zu tun – und das Line-up war irgendwie merkwürdig sortiert. Ein Veranstaltungsbericht.

Erst im Nachhinein habe ich gelesen, dass Veranstalter Dan im Blog von imusician zu Protokoll gibt, dass das Berlin Folk Festival zwar dem Folk, der psychedelischen und Singer-Songwriter-Musik sowie der Ästhetik der 1960er Jahre gewidmet sein, aber nicht ausschließlich darauf limitiert sein soll. „Unser Ziel war es, eine einzigartige Nische in der Musikszene der Stadt zu besetzen“, erklärt er im Interview, in dem es eigentlich um etwas ganz anderes geht („Wie wird man als aufstrebender Musiker gebucht?“). „Angesichts des Rufs der Stadt als Zentrum der Clubkultur – und einer Live-Musikszene, die meist von eher härteren, düsteren Klängen geprägt ist – hatten wir das Gefühl, dass etwas fehlte: ein Raum für leichtere Töne, psychedelische Klänge sowie eine fröhlichere, offenere Grundhaltung.“

Etwas anderes erwartet

Leichtere Töne, fröhliche Grundhaltung? Hm, naja, also ausgerechnet Headlinerin Bedouine, die beim Berlin Folk Festival „Summer Edition“ das Album-Release von „Neon Summer Skin“ feierte, passt nicht gerade auf diese Beschreibung. Die armenische Singer-Songwriterin erinnert in sehr stillen Liedern an ihre Großmutter, die ihre Tochter in ein Waisenhaus geben musste, und daran, dass Wahlfamilien (Freunde) für die Selbstfindung manchmal wichtiger als die Blutverwandten sind. Aber immerhin Folk im weiteren Sinne passt hier als Beschreibung, während das auf zwei Drittel des Line-ups überhaupt nicht zutraf. Ich würde vorschlagen, einen anderen Festivaltitel zu wählen, denn ich habe so einige Gäste sagen hören, dass sie etwas anderes erwartet hätten.

Sie waren zum Beispiel als treue Fans von Scott & Lila gekommen (angekündigt als „die Lieblinge der Berliner Folkszene“), die sozusagen der Inbegriff dessen sind, was hervorragende Straßenmusik ausmacht. Doch Scott & Lila durften beim Berlin Folk Festival nur ein paar wenige Songs auf der kleinen Bühne („Flower Stage“) spielen, obwohl sie definitiv auch den Hauptraum mit ihrer positiven Energie hätten füllen können – das habe ich im Maschinenhaus der Kulturbrauerei bereits erlebt. Über die beiden Lockenköpfe, von denen man sich schwerlich vorstellen kann, dass sie jemals schlechte Laune haben, müsste mal jemand einen Musikfilm drehen.

Wenn sie erzählen, wie sie sich bei einer Session von Scott auf der Warschauer Brücke in Berlin kennenlernten, als Lila, obwohl müde und auf dem Heimweg, sich spontan zu ihm gesellte und zwei Stunden mit ihm sang, springt das Kino vor dem inneren Auge unweigerlich an. Auch ihre Anekdoten von dem „Midnight Pie“, den eine frisch getrennte Freundin für sie buk, und dem Blitz, der die alte Eiche vor Scotts Elternhaus spaltete und zu dem Lied „Thunder“ inspirierte, wird man nie müde zu hören. Die „Jamsessions“ mit Lila (ausgesprochen wie die Farbe auf Deutsch), die das Publikum animiert, Regengeräusche zu machen und Du-Bi-Du-Refrains zu improvisieren, sind beinahe schon legendär. Aber auf dem Berlin Folk Festival sollte es darum offenbar nicht gehen.

Ein ganz anderer Ton gesetzt

Den Ton für eine Atmosphäre ganz anderer Art setzte gleich der allererste Act um kurz nach 15 Uhr: LEETA, eine Indierockband aus Wien, deren „Gen Z Spirit“ laut Veranstaltungsankündigung aus Harmonien der 1970er gepaart mit Grunge-Rock-Sound der 1990er besteht. Die vier jungen, als Herz- und Kreuzdame, Pik- und Karo-As verkleideten Musiker haben mir gut gefallen und sie passten mit ihrem gut eingespielten Newcomer-Selbstbewusstsein und der stimmungsmachenden Tanzmusik grundsätzlich auch an den Anfang einer Livemusik-Veranstaltung. Doch mit ihrem Auftritt begann eine etwas unglückliche Entwicklung, die den ganzen Rest der Veranstaltung beeinflussen sollte: Ungeheuer lauter Rock auf der Hauptbühne, der die Folkmusiker im kleinen Nebenraum, um die es doch eigentlich gehen sollte, zu Randfiguren ihres eigenen Festivals machte.

Wer kann sich auf die engelsgleiche Harfenmusik von Agnes Verano konzentrieren, die absolute Ruhe braucht, um ihren Zauber zu entfalten, wenn ständig die Klospülungen rauschen und die Bässe selbst bei geschlossenen Türen aus dem Hauptraum wummern? Da hilft auch die Deko aus selbstgebastelten Papp-Blumen und indischem Wandteppich wenig. Ein Gast, der aussieht wie Schauspieler Woody Harrelson, versucht, sich zwischen den eng auf dem Boden sitzenden Zuschauern hinzulegen, um in Träumstimmung zu kommen.

Vom Publikum wird arge Flexibilität gefordert, wenn es während der Umbauzeiten zwischen den Rockacts auf der Hauptbühne ins Hinterzimmer gebeten wird. Eben noch Bernar Gomma aus Rio de Janeiro mit seiner sechsköpfigen Band und monumentalen Instrumentalnummern, deren Sound mich abwechselnd an James Bond- und Pulp Fiction-Filmmusik denken lässt, im nächsten Moment Steve Burner mit Gitarre, Stetson, Schnauzer und der viereckigen, gelb getönten Brille, der nun wirklich aus dem Amerika der 1970er herbeigebeamt zu sein scheint. Er singt in selbstironischen Songs darüber, wie er die „School of Love“ absolvierte und zum „teller of bad jokes“ und „singer of sad songs“ wurde. Das muss das Hirn erstmal zusammen kriegen. Einerseits die psychedelische Aura von Siba & Monkeyman, die etwas für eine Goa-Trance-Party wären, andererseits Sam & Trevor, eine Art moderne Ausgabe von Simon & Garfunkel.

Ein zu Hause für Folk Fans oder eine Mottoparty für die Gen Z?

Um die richtige Festival-Atmosphäre zu schaffen, gab es neben dem Merch-Stand einen Second-Hand-Klamottenverkauf, eine Bierbank mit Papiertischdecke zum Bekritzeln und draußen im Raucheraustritt zwischen Bauzäunen die Möglichkeit, sich Blumentattoos auf die Arme oder Wangen schminken zu lassen. Alles in allem wirkte das Berlin Folk Festival eher wie ein Spielplatz oder eine Mottoparty für die Gen Z als wie eine neue Heimat für die zum neuen Leben erwachte Berliner Singer-Songwriter-Szene und die echten Verehrer der frühen Folkgrößen. So hatte ich das Feral Folk Festival 2025 wahrgenommen (siehe hier mein Bericht).

Wenn ich mir im Nachhinein die Videoclips auf meinem Handy so anschaue, gab es vor allem gegen Ende mehr Folk als ich in Erinnerung behalten habe, und auch alles andere war schon echt gute Musik. Rückblickend kann ich jetzt auch nachvollziehen, wie den Veranstalter der Harmoniegesang von Electric Leona an die 1970er erinnerte und warum er Bernar Gommas langgezogene Seufzer auf der E-Gitarre für eine gute Überleitung zu Siba & Monkeyman und ihren Sprechgesang hielt. Aber was soll ich sagen, es hat sich einfach nicht wie ein Folk Festival angefühlt.

Das Genre ist grundsätzlich schwer zu beschreiben, aber ein relativ effekt- und verzerrungsfreier Klang gehört ja doch zum Konsens, und da schieden selbst Electric Leona mit viel Hall und teils verstärkergenerierten Harmonien eigentlich schon wieder aus. James Michael Rogers mag ja mal als Barde angefangen haben, aber viel Balladen-artiges ist im Auftritt seiner Band nicht mehr übriggeblieben. Sie bot eher testosteronüberbordenden Stadionrock mit einigen tiefgründigeren Finessen durch das Saxophon, die erzählerischen Parts in den Lyrics und die Rhythmen, die mich abwechselnd an Hozier und Sweet Home Alabama denken ließen.

Schade für die weiblichen Hauptacts

Rogers ist übrigens das Bindeglied zum Feral Folk Festival, denn dort war er 2025 als Headliner als letzter dran, und ja, das hat besser gepasst. Die Organisatoren des Berlin Folk Festivals haben Bedouine und der vor ihr auf der Hauptbühne spielenden Mia Wilson keinen Gefallen damit getan, sie ans Ende einer Kette von Auftritten aus lauten Rockbands mit großer Besetzung zu setzen. So schön wie es ist, dass bei dieser Veranstaltung zwei Frauen die Hauptacts waren, so wenig hat den beiden das unter diesen Rahmenbedingungen gebracht.

Während die Kalifornierin Mia Wilson barfuß und mit viel Vibrato ihre leidenschaftlichen, musicalartigen Hymnen sang, redete das von James Michael Rodgers aufgeputschte Publikum so laut, dass es für die Sängerin eine Qual gewesen sein muss. Und während des Auftritts von Bedouine rief ein Betrunkener, ohne dass man ihm das Handwerk legte, die ganze Zeit, man solle die Musik abstellen, das sei doch alles langweilig und immer dasselbe. Das, was wohl als sanfter Ausklang für einen langen Tag voller energischer Livemusik gedacht war, passte letzten Endes einfach nicht zu der Stimmung, die vorher aufgebaut worden war.

Also ich bin definitiv „Team Feral Folk Festival“, aber ich habe trotzdem auch beim Berlin Folk Festival einige interessante neue Bands entdeckt, die ich mir nochmal separat anhören werde, und es genossen. Man muss eben nur mit den richtigen Erwartungen hingehen.

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