🇩🇪 In Leonard Cohens (laut Rolling Stone Magazine) achtbeliebtestem Lied „Tower Of Song“ , dessen Lyrics er rezitierte, als er 2008 in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, geht es um die Kunst des Songwritings. Viele Interpretationen beschäftigen sich ausschließlich mit dem zentralen Symbol, dem Turm, dem sich Cohen in jeder Strophe aus einer anderen Perspektive nähert. Doch auch der Rest des Textes ist ein Meisterwerk des Liederschreibens – mit einem starken Spannungsbogen, dem typischen Cohen-Triptychon „Lebensdrama, Frauen, Religion“, das zum Beispiel auch „Suzanne“ zugrunde liegt, und einer Bildgewalt, die seinem größten Hit „Hallelujah“ in nichts nachsteht.
Der „Tower Of Song“ – der Turm der Musik, der Turm der Lieder – ist ein extrem starkes Symbol. Das Kino im Kopf läuft gleich los, malt sich den Prototypen eines Turms aus: dicke, runde Backsteinmauern, ein spitzes Dach, eine kurze, gedrungene Gestalt. Der Turm ist der Ort, an den sich ein Künstler zurückzieht, wenn er an seinen Lyrics feilt. Ein Klosterturm, in dem er in die meditative Stimmung kommt, die er braucht, um an seinem Lied zu schreiben. Ein Kerkerturm, aus dem er erst wieder herausgelassen wird, wenn das Lied fertig ist.
In manchen Interpretationen wird der Tower Of Song mit einem Elfenbeinturm verglichen, in dem der Erzähler auf einer intellektuellen Ebene von den schmerzhaften Erfahrungen des Lebens schreibt, ohne sich ihnen wirklich auszusetzen. Ich glaube dagegen, dass die allermeisten Künstler die Erfahrungen, über die sie schreiben, sehr wohl selbst durchleben. Aber um sie in einem Songtext festzuhalten, brauchen sie einen Schutzraum, in dem sie sich der Verarbeitung widmen und ein Kunstwerk aus dem Schmerz gießen können. Ohne befürchten zu müssen, dass die Wunde wieder aufgerissen wird.
Zufluchtsort und Gefängnis zugleich
Der Turm der Lieder ist also gleichzeitig ein Zufluchtsort für den Künstler, in dem er unangreifbar für irdische Malaisen wie Liebeskummer ist („They won’t let a woman kill you in the Tower Of Song“), und ein Gefängnis, aus dem er sich nicht befreien kann („They tied me to this table right here in the Tower Of Song“). Er ist kein Ort, an den der Musiker freiwillig geht. Stattdessen folgt er einem inneren Zwang. Wenn besorgte Eltern und Freunde wissen wollen: „Warum hast du dich für die brotlose Kunst entschieden, anstatt einen richtigen Beruf zu lernen?“, ist die Frage völlig falsch gestellt.
Leonard Cohens Antwort lautet: Wir haben nicht die Wahl, ob wir lieber Sänger oder Bankkaufleute werden möchten. Wir sind als Künstler geboren und müssen dieses Leben führen („I was born like this, I had no choice“) – mit allem Ruhm und allen Opfern, die es möglicherweise mit sich bringt. Wir können einfach nicht anders! „Dichten ist kein Beruf, sondern ein Urteilsspruch“ („Poetry is a verdict, not an occupation“), schreibt er denn auch in seinem ersten Roman „The Favorite Game“.
Bildgewaltige Lebensendzeitphantasien in der Midlife Crisis
„Tower Of Song“ beginnt mit einem einfachen Bild: Ein Mensch wird alt, ein Mensch wird im Alter einsam. Interessant ist, dass Cohen erst 54 war, als er das Lied veröffentlichte. Also noch nicht wirklich der gebrechliche Greis mit grauweißem Haar, den man sich ausmalt, wenn hört „my hair is grey“ oder „I ache in the places where I used to play“. Laut verschiedener Berichte lag der Songtext sogar länger in der Schublade, bevor Cohen ihn wieder hervorholte und fertigstellte – insofern war er vielleicht sogar noch jünger als 54, als er das Lied schrieb.
Aus den Eingangszeilen spricht also eher die Midlife Crisis eines Mannes, der das ganze Leben als ein einziges großes Drama begreift. Schon die ersten Anzeichen des Alterns lassen den Dichter mit seiner Schreibfeder zu bildgewaltigen Lebensendzeitphantasien ausholen. Oder aber wir dürfen diese erste Strophe schlicht als Cohens ersten Tipp fürs Liederschreiben verstehen, den er uns in „Tower Of Song“ mit auf den Weg gibt: Nimm als Ausgangssituation für dein Lied einfach irgendeine ganz banale Stimmung aus deinem Leben.
Ein schlagfertiger Mann und Gentleman der alten Schule
Sicher ist der eine oder andere Wegbegleiter schon gestorben, aber die Zeile „All my friends are gone“ steht für mich nicht nur für die Toten. Sondern auch für Freunde aus den wilden Künstlerjahren, die sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut oder das Bohemian-Dasein zugunsten eines spießigeren Lebens aufgegeben haben. Für Freundschaften, die sich auseinanderentwickelt, und Menschen, die sich als falsche Freunde entpuppt haben, wie Cohens Managerin Kelley Lynch, die ihn um seine Millionen brachte (wenn auch erst Jahre nach der Veröffentlichung von „Tower Of Song“).
Als „Ladies‘ Man“, der immer einen Schlag bei Frauen hatte, mag es für Cohen eine neue Erfahrung sein, dass im Alter von 54 Jahren vielleicht nicht mehr jede auf ihn anspringt („I’m crazy for love, but I’m not coming on“) – obwohl er, wie Biografen ebenfalls regelmäßig betonen, ein Gentleman der alten Schule und ein schlagfertiger Mann war.
In der Zeile „I ache in the places where I used to play“ („Ich habe Schmerzen an Stellen, die früher zum Spielen da waren“) klingt dieser feinsinnige Humor durch (Tut ihm beim Sex der Rücken weh? Oder beim Tanzen das Knie?), wie auch später noch einmal in der spöttischen Strophe mit der Voodoo-Puppe („I’m very sorry, babe, it doesn’t look like me at all“).
Da haben wir nun also einen älter werdenden Erzähler, der sich im Lied sogar noch älter macht, als er ist, und bei den Frauen nicht mehr ankommt, obwohl er sich nach Liebe sehnt. Was bleibt ihm in dieser Situation übrig, vor allem als Künstler? Leonards Schreibtipp Nummer zwei: Man übe einfach weiter täglich sein Instrument und seine Stimme, „zahle seine Miete im Turm der Musik“ („I’m paying my rent every day in the Tower Of Song“). Als Belohnung bahnt sich vielleicht irgendwann ein neues Lied den Weg aufs Papier.
So bieten der Turm und das Songwriting auch Stabilität und Struktur in Krisenzeiten, vielleicht sogar während einer Depression. Genau wie das Kloster „Mount Baldy Zen Center“, in dem Cohen mehrere Jahre zubrachte, und das für ihn ein Tower Of Song gewesen sein mag.
Himmel, hilf!
In der zweiten Strophe fällt dem Erzähler noch eine weitere Möglichkeit ein, wie er auf seine scheinbar ausweglose Situation (liebesbedürftiger alter Mann ohne Partnerin) reagieren und Inspiration für einen neuen Song bekommen kann. Er reckt die Hände gen Himmel und ruft die Toten in Gestalt von Hank Williams an: „Was soll ich bloß tun?“ Das ist für uns Menschen, ob Künstler oder nicht, ja fast ein Automatismus. Und für Cohen, der von Religion und Theatralik gleichermaßen geprägt ist, die erste Wahl – bevor er später im Lied auch auf die Idee kommt, sich an die Lebenden zu wenden.
„I said to Hank Williams: How lonely does it get?“ fragt er also: „Wie einsam soll ich mich erst fühlen, wenn ich noch älter werde, lieber Hank Williams? Was müssen wir Künstler denn noch alles ertragen?“ Die Frage ist einigermaßen kurios, denn Hank Williams ist nicht alt geworden, er ist mit 29 Jahren schon verstorben. Aber in der Phantasie des Erzählers ist er im Himmel (beziehungsweise in seiner oberen Turmetage) zum weisen alten Mann geworden und kämpft mit den schwindenden Lungenkapazitäten eines Greises („I hear him coughing all night long“).
Wenn man „Tower Of Song“ als Anleitung zum Songwriting liest, steht die Hank Williams-Strophe für Leonards Schreibtipp Nummer drei: Beschäftige dich auf der Suche nach einer Idee für ein neues Lied mit den alten Meistern! Der Country-Musiker Williams, der 1953 verstarb, hat schon so viele inspiriert – von Johnny Cash bis Bob Dylan –, dass sein Lebenswerk sicher eine gute Grundlage bietet.
Keine Grenze zwischen Diesseits und Jenseits
Vielleicht antwortet Williams nicht („Hank Williams hasn’t answered, yet“), weil Cohen sein Vermächtnis verfälscht. Vielleicht, weil er längst verstorben ist und nicht mehr sprechen kann. Doch im Turm der Lieder sind sie alle untergebracht: die Lebenden und die Toten, alle Künstler, die jemals auf dieser Erde geweilt haben und die jemals auf ihr weilen werden. Die Kunst schafft eine Verbindung zwischen den Generationen und zwischen den Epochen. Der „Tower Of Song“ ist eine Unterkunft und ein Schrein zugleich, im Turm der Lieder ist die Weltgeschichte der Musik vereint und es gibt keine Grenze zwischen Diesseits und Jenseits.
Aber es gibt dennoch eine gewisse Maßeinheit für die Distanz zwischen Früher und Heute, zwischen Durchschnitt und Genie: die Stockwerke. Dass Hank Williams einhundert Etagen über dem Erzähler wohnt („a hundred floors above me in the Tower Of Song“), kann bedeuten, dass Cohen ihn für einen viel besseren Künstler als sich selbst hält, oder dass Williams schon so lange tot ist, dass zwischen ihm und Cohen hunderte andere Musiker auf den Weltbühnen auf- und abgetreten sind. Auf jeden Fall steht sein Thron im Olymp der Musik ganz oben.
Nachdem von dort keine Antwort kommt, wendet sich der Erzähler in der dritten Strophe aus seiner Kemenate heraus an sein Publikum. Er versucht sich zu erklären: „I was born like this, I had no choice“! „Ich kann doch nichts dafür, dass ich hier im Turm hocken und Lieder schreiben muss, während ihr alle eure echten Leben mit euren echten Problemen lebt! Ich halte mich nicht für etwas Besseres, ich habe einfach keine andere Wahl!“
Das Gegenteil einer goldenen Stimme
Die folgende Zeile klingt zwar dann doch wieder überheblich und verdammt selbstbewusst für einen Kunstschaffenden, der klischeemäßig ja eher von Selbstzweifeln geprägt sein müsste: „I was born with the gift of a golden voice“. Viele Verfasser von Interpretationen fühlen sich darum an dieser Stelle bemüßigt zu betonen, dass Leonard Cohen von Gesangsprofis das Gegenteil von einer goldenen Stimme bescheinigt wird: nämlich eigentlich überhaupt kein Talent zum Singen, ein eher flaches Organ.
Ich glaube, es steckt zu gleichen Teilen augenzwinkernder Humor („Ich kann doch nichts dafür, dass ich so ein berühmter Sängerhecht bin!“) und typisch Cohen’sche Theatralik in dieser Zeile. Die „goldene Stimme“ ist einfach nur ein etwas pathetisches Synonym für „Talent als Singer-Songwriter“ oder „Glück, als Singer-Songwriter bekannt geworden zu sein“, das sich passenderweise auf „choice“ reimt.
Das Wort „voice“ wird im Allgemeinen ja auch nicht nur für Singstimmen verwendet. Man formuliert im Englischen zum Beispiel „the voice of a generation“ und meint damit jemanden, dem es gelingt, die Gefühlslage einer ganzen Generation – oder einer anderen Art von Gruppe – in Worte zu fassen. Und das kann man Leonard Cohen auf jeden Fall bescheinigen.
Ob gute Stimme oder nicht (ich liebe sie!) – in seinen Konzerten brach bei dieser Zeile regelmäßig Jubel aus und Cohen lächelte sein verschmitztes Lächeln, das ihn auch Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von „Tower Of Song“ noch zum attraktiven Mann machte. Und wo er nun schon dabei ist, die Toten im Himmel anzurufen und es mit der Theatralik zu übertreiben, sind es eben auch gleich 27 Engel, die ihn an den Tisch im Turm der Lieder fesseln, damit er gefälligst sein Werk vollende („twenty-seven angels from the great beyond, they tied me to this table right here in the Tower Of Song“).
Auf spirituellen Internetseiten finden sich vielfältige Erklärungen zur Bedeutung der „Engelszahl 27“, Bibelinterpreten sprechen ihr einen Belang im Neuen Testament zu. Auf welche Referenz Cohen hier auch immer verweisen möchte – er war ja als Enkel eines Rabbis genauso geprägt von der jüdischen Mystik wie als Schüler von Zen-Meister Roshi vom Buddhismus – zufällig gewählt hat er die Zahl sicher nicht.
27 Engel als Überleitung ins Diesseits
Cohen-Kenner stellen an dieser Stelle in den Lyrics die Verbindung zu seinem größten Hit „Hallelujah“ her, wo er ebenfalls von einer Frau an den Küchentisch gefesselt wird. Die Konnotation in „Hallelujah“ ist eindeutig erotisch. Erzählt wird von einer nackten Schönheit, die im Mondlicht badet und deren Anblick den Erzähler überwältigt: „Sie band dich am Küchentisch fest, stürzte dich vom Thron, schnitt dir die Haare und ließ deinen Lippen ein ‚Hallelujah‘ entweichen“.
Insofern lösen wohl auch in „Tower of Song“ an dieser Stelle fleischliche und sehr irdische Erinnerungen die überirdische Konversation mit Hank Williams ab. Und Leonards vierter Tipp in Sachen Songwriting lautet: Nun hast du also die Götter auf dem Olymp der Musik um Unterstützung beim Liederschreiben gebeten, und kannst dich im nächsten Schritt einem irdischen Erlebnis zuwenden, über das du schreiben willst.
Die 27 Engel dienen als Überleitung von Williams im Himmel zu der Frau auf Erden, um die es in dem Lied, das der Künstler gerade im Turm der Musik schreibt, gehen soll – und auch in der nächsten Strophe. Als Engel hat Cohen oft auch seine Backgroundsängerinnen, die „sublime Webb Sisters“, beschrieben. Ja, wir kommen nun tatsächlich zu den realen Frauen in seinem Leben. In der vierten Strophe von „Tower Of Song“ wendet sich der Erzähler an eine Dame, die offenbar nicht gut auf ihn zu sprechen ist. Sie versucht, sich mit einem Vodoozauber zu rächen.
Vodoo kann ihm nichts anhaben
Doch Cohen lacht nur darüber – die Vodoo Puppen sehen ihm nicht ähnlich, die kleinen Nädelchen können ihm nichts anhaben („You can stick your little pins in that voodoo doll, I’m very sorry babe, it doesn’t look like me at all“). Abgesehen davon kann er sowieso ganz beruhigt neben dem Turmfenster stehen, durch das das Licht einfällt. Denn im Turm der Lieder hat keine Frau die Macht, einen Künstler umzubringen (ihm das Herz zu brechen).
Nun gut, wenn es mit dem Voodoo nichts wird, wird die Frau vielleicht als nächstes auf die Idee kommen, ihm vorzuwerfen, dass er verbittert geworden sei („You may say that I’ve grown bitter“). In der fünften Strophe greift der Erzähler zu einem Ablenkungsmanöver, das man nur mit „Typisch Mann!“ kommentieren kann: Er schiebt das Scheitern der Liebesbeziehung mit der Voodoo-Frau auf die Reichen und Mächtigen, unter deren Einfluss die Liebesbeziehungen der Armen – der Durchschnittsmenschen – stehen („The rich have got their channels in the bedrooms oft he poor“).
Ein Urteil darüber zu fällen, was passiert ist, steht weder ihm, noch der Voodoo-Frau zu, sondern allein dem Jüngsten Gericht („there’s a mighty judgement coming“). Hier kommen wieder Leonards typische religiöse Motive durch. Und auch sie dienen als Ablenkung von der eigenen Mitschuld am Scheitern der Liebesbeziehung.
Im nächsten Moment merkt der Erzähler, dass er da vielleicht den Mund zu voll genommen hat und droht, unglaubwürdig zu werden. Er nimmt seine Worte wieder zurück: „Vielleicht liege ich auch falsch“ („But I may be wrong“). Worauf könnte man das Misslingen einer Beziehung noch schieben? Nun, wie wäre es mit dem Klischee vom Genie und Wahnsinn, die nahe beieinanderliegen? „You see, you hear these funny voices in the Tower of Song“: „Weißt du, als Künstler hört man manchmal komische Stimmen!“ Man ist nicht ganz zurechnungsfähig, und kann deshalb auch nicht wirklich für das verantwortlich gemacht werden, was man verbockt hat.
Die Brücken brennen
Auch in der nun folgenden Bridge spricht der Erzähler noch mit der Frau, die ihn mit ihrem Voodoozauber belegen wollte: „I see you standing on the other side“. Auf welcher anderen Seite steht sie wohl? Ist sie schon tot und befindet sich im Jenseits? Oder steht sie außerhalb der Mauern des Tower Of Song? Von einem Fluss ist die Rede („I don’t know how the river got so wide“), der die beiden trennt. Symbolisch könnte es ein Burggraben um den „Tower Of Song“ oder der Styx sein, der in der griechischen Mythologie die Welt der Lebenden vom Hades trennt. Auf jeden Fall weiß der Erzähler nicht, wie er und die Frau sich derart auseinanderleben konnten. „I loved you baby, way back when“, versichert er: „Ich habe dich wirklich geliebt, mein Schatz, damals“.
Aber alle Brücken, die eine Verbindung zwischen den beiden ermöglicht haben und auf denen sie aufeinander zu gegangen sind, brennen und sind damit unüberwindbar geworden („All the bridges are burning that we might have crossed“). Der Erzähler fühlt sich den Gefühlen, die ihn einst mit der Frau verbunden haben, noch sehr nahe („I feel so close to everything we lost“), hat aber trotzdem nicht die Absicht, wieder mit ihr zusammenzukommen.
Anstatt ihr das deutlich zu sagen, beschwichtigt er sie, als wäre es das, wovor sie Angst hätte: „Keine Sorge, wir müssen diese schmerzhafte Trennung nicht noch einmal durchleben“ („We’ll never have to lose it again“). Dabei bin ich (als Frau) sicher, die Frau würde sich überhaupt nicht scheuen, sich noch einmal für den Mann verletzlich zu machen, wenn das bedeuten würde, dass ihre Liebe eine zweite Chance bekäme. In Sicherheit bringen will sich nur der Künstler – in den Tower Of Song.
Eines Tages wird er ihr ein Minnelied singen
Für einen Mann wie Leonard Cohen ist es kein Wiederspruch, dass eine Liebe großartig gewesen sein und trotzdem nicht weitergeht kann (Stichwort: Marianne). Nachdem er der Frau noch einmal bestätigt hat, was sie ihm bedeutet hat, verabschiedet er sich mit deutlichen Worten: „I bid you farewell, I don’t know when I’ll be back“ („Ich bin dann mal weg und weiß nicht, wann ich zurückkommen werde.“) Wieder versteckt er sich hinter dem Einfluss anderer und bemüht jetzt sogar das Motiv des Holocaust und der Konzentrationslager: „They’re moving us tomorrow to the tower down the track“ („Morgen bringen sie uns in einen anderen Turm weiter unten am Gleis“). Nur um das schreckliche Bild sofort wieder aufzulösen und mit Liebesschwüren weiterzumachen.
Eines Tages, so verspricht er, wird er sich wieder melden („I’ll be speaking to you sweetly from my window in the Tower Of Song“). Dann wird er ihr ein Minnelied singen aus dem Fenster des Turms der Musik. Davon hat die Frau freilich wenig. Sie sehnt sich im Hier und Jetzt nach seiner Nähe – und verliert ihn doch an seine Kunst.
Damit endet „Tower Of Song“. Und Leonard Cohen hat es geschafft, in sechs Strophen und einer Bridge mit einem wiederkehrenden Chorus, der nur aus einer halben Zeile besteht („in the Tower Of Song“), gleichzeitig die vier Akte des Songwritings theoretisch zu umreißen und an einem konkreten Beispiel anschaulich zu machen. Es stecken so viele Bezüge zu seiner Biografie und so viele universelle Emotionen und Konflikte zwischen Mann und Frau, zwischen Künstler und Muse in diesen Lyrics, dass der Zuhörer nicht nur ihn, sondern auch sich selbst besser kennenlernt. Was kann ein Song mehr erreichen?
